Vorsichtig strich er sich sein welliges Haar zurück und überflog noch einmal
seinen Text bevor er, die Hände ein wenig unruhig hin und her bewegend, langsam
zum Mikrophon ging. Es war nicht so, dass er nicht vorbereitet war - oh nein,
ganz im Gegenteil, die Argumente hatte er lange studiert und sondiert, hatte
sich durch unzählige Webseiten gelesen und Stichworte notiert und wieder
durchgestrichen. Stundenlang, tagelang. Er *war* vorbereitet, aber
dennoch...war er nervös. Aber er würde Gelegenheit haben, den seltsamen
Ansichten, denen er bereits in vielfacher Form in Foren und Mailinglisten
begegnet war, angemessen entgegen zu treten. Er war vorbereitet.
Während er das Mikrophon zurecht rückte, nach seiner Krawatte tastete und
unauffällig die Zettel mit den Stichworten zurechtschob, sah er sich in dem
Saal um. Ein bunt gemischtes Publikum, so hätte es wohl Susan, seine Freundin
bezeichnet. Neben seriös aussehenden Männern in Anzügen gab es die legerer
gekleideten Herren mit Sakko und die "ewigen Spontis", wie er sie
nannte; diejenigen, die zum Teil aussahen als seien sie in ihrer Kleidung
eingeschlafen. Aber er wollte nicht unfair oder voreingenommen sein, es gab
eben "ein buntes Publikum" und zumindest schienen alle ernsthaft
interessiert und nicht nur darauf aus, in der Pause über die Häppchen
herzufallen.
"Es geht heute um ein heikles Thema" sprach er ins Mikrophon und
erntete prompt ein "Lauter" aus dem Publikum. "Wir möchten heute
über Vorratsdatenspeicherung sprechen" "Möchten wir nicht, aber wir
müssen!" rief jemand dazwischen, wurde aber schnell vom Nachbarn
angestubst. Es schien also niemand auf Pöbeleien aus zu sein, erfreulich. Er
nahm seinen ersten Notizzettel und begann, ein paar einleitende Worte zu
sprechen, kam dann schnell darauf, dass es lediglich um Verbindungsdaten ging,
nicht aber um Inhalte.
Die Worte kamen ihm leicht über die Lippen, er hatte sich lange genug damit
befasst, wie er auch dem erbittertsten Anti-Vorratsspeicherungs-Verfechter
begreiflich machen konnte, dass die Eingriffe in die Privatsphäre (wie es diese
Paranoiker ja nannten) gering waren. Ja, gut, es konnte jetzt jeder wissen, auf
welcher Seite sie gewesen waren und wie lange - na und? Niemand würde ihnen
doch einen Vorwurf daraus machen, dass sie auf linken oder rechten Seiten
gewesen waren. Was befürchteten diese Berufs-Nörgler eigentlich? Er konnte es
nicht verstehen und er war ziemlich sicher, ihnen den Wind aus den Segeln
genommen zu haben. In Ordnung, man würde wissen, wer das Handy bezahlte, wer
die Online-Rechnung beglich, auf welche Seiten sie gingen und mit wem sie
telefonierten - und? Niemand würde weiterhin ihre Gespräche belauschen, niemand
würde darauf achten, was sie in Chaträumen von sich gaben etc - es ging doch
nur um generelle Dinge. Aber nach dem Beifall zu urteilen, der seinen Worten
gefolgt war, hatte er alle überzeugt.
Während er, schnell noch seinen Hut gegen den Wind festhaltend, langsam
wieder nach Hause ging, dachte er noch einmal an seine abschließenden Worte,
die hoffentlich allen klargemacht hatten, dass es nicht um Misstrauen ging,
nicht um Verdächtigungen oder dergleichen - und dass es ohne fehlende Inhalte
(denn die wurden nun einmal nicht überprüft) doch gar nicht zu irgendwelchen
Verurteilungen kommen konnte.
"Meine Damen und Herren" hatte er gesagt, denn tatsächlich hatten
sich auch ein paar Damen zu dem Vortrag verirrt. "Ich versuche, die
Bedenken, die viele gegen die Speicherung von Verbindungsdaten haben, nicht zu
unterschätzen, dennoch dürfen wir eines nicht vergessen: Niemand spricht davon,
Inhalte zu prüfen und zu speichern. Niemand versucht ernsthaft herauszufinden,
was jemand in den Mails, die er gesandt hat, geschrieben hat. Es geht lediglich
um Verbindungsdaten, es ist also keineswegs so, dass man es mit dem Lesen von
Briefen vergleichen kann. Niemand will wirklich "mitlesen". Nein,
hier geht es darum, im Sinne der Terrorbekämpfung und der
Kriminalitatsbekämpfung im allgemeinen Daten zu prüfen und zu speichern ohne zu
schwer in die Intimsphäre des Einzelnen einzugreifen.
Niemand versucht, die Mails zu lesen und herauszufinden, was jemand
schreibt. Niemand versucht, die Gespräche, die jemand führt, abzuhören. Es geht
lediglich darum, nachvollziehen zu können, wie lange jemand eine Verbindung
aufrecht gehalten hat. Nicht mehr und nicht weniger. Ich verstehe die Besorgnis
der Menschen hier, die sich gegen diese Art der Terrorbekämpfung aussprechen,
ich verstehe sie wirklich. Aber seien wir realistisch: Es geht hier um
Verbindungsdaten, um das elektronische Equivalent einer Adresse sozusagen. Und
wer wuerde jemandem wirklich auf Grund einer Adresse, die er mehrmals aufsucht,
auf Grund einer Adresse, die er mehrmals anschreibt oder von der er oftmals
Post bekommt, einen Verdacht aussprechen? Niemand, meine Damen und Herren. Es
geht lediglich um Verbindungsdaten - um keinerlei Inhalte. Und daher geht es
bei der Vorratsdatenspeicherung auch nicht um schwerwiegende Eingriffe in die
Privat- oder Intimsphäre, so wie viele es uns hier zum Vorwurf machen wollen.
Nein, die Inhalte, die Inhalte, auf die es ankommt, die letztendlich das sind,
was etwas aussagt, die sind und bleiben intim."
Er lächelte zufrieden als er daran dachte, wie man ihm auf die Schulter
geklopft hatte, drehte vorsichtig den Schlüssel im Briefkasten herum und
erstarrte. Eine Handyrechnung. Eine Handyrechnung? Weder er noch Susan besaßen
ein Handy.
Während er noch unschlüssig auf den Umschlag sah und seine Gedanken
umherflogen wie Motten im Licht - hatte Susan nicht in letzter Zeit oft
gemailt? Und hatte sie nicht auch sehr auf Mails gehofft und wohl auch
erhalten? Waren auf dem Einzelnachweis der Telefonrechnung nicht auch lange
Gespräche mit einer ihm unbekannten Nummer gewesen? Eine Nummer, die auch auf
der Anrufliste gewesen war als er nach Hause kam? - kam Susan aus dem Haus, in
einer Hand das Handy, in der anderen einen rosafarbenen Umschlag. Er starrte
sie an und sie erwiderte seinen Blick völlig unbefangen. Wie konnte sie bloß so
kaltschnäuzig sein? Dachte sie, er wäre ein völliger Idiot? Er konnte doch wohl
1 und 1 zusammenzählen.
Er nahm Susan den Umschlag aus der Hand und drückte ihr stattdessen die
Handyrechnung hinein. Sein Blick flog kurz über den Adressaten - ein
Männername, natürlich. "Ich möchte, dass Du gehst." sagte er.
"Sofort." "Aber-" Sie sah ihn an, noch immer keinerlei Reue
in ihrem Blick. "Ich bin kein Idiot." meinte er kalt und warf ihr den
Umschlag vor die Füße. "Meinst Du, ich wüsste nicht, was hier vor sich
geht? Oh nein, Susan, das weiß ich ganz genau. Und dazu muss ich weder diesen
Brief lesen noch hören, was Du am Telefon zu diesem Typen sagst..."
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Diese Kurzgeschichte
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Hierzu passt gut die Veröffentlichung von netzplitik.org vom 28.08.2013:
Vorratsdatenspeicherung: Warum Verbindungsdaten noch aussagekräftiger sind
als Kommunikations-Inhalte
Telekommunikations-Verbindungsdaten,
wie sie bei der Vorratsdatenspeicherung und von den Geheimdiensten der Welt
gesammelt werden, verraten intime Details über unser Leben. Diese auf
netzpolitik.org immer wieder betonte Aussage bekräftigt jetzt auch ein
Informatik-Professor in einem Gutachten. Die möglichen Rückschlüsse aus
Verbindungsdaten sind größer als die der Kommunikationsinhalte – und nehmen
noch weiter zu.
Der Sommer von Snowden
begann
mit der Enthüllung, dass der amerikanische Mobilfunk-Anbieter Verizon alle
Telefon-Verbindungsdaten der NSA übermittelt. Das heißt bei uns
Vorratsdatenspeicherung. Keine Woche später reichte die American Civil
Liberties Union (ACLU)
Klage
gegen diese krasse Bürgerrechtsverletzung ein.
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netzpolitik.org