Nicht nur der Staat will die Standort- und Verbindungsdaten von
Mobilfunk-Kommunikation. Die riesigen Datenberge werden auch
ausgewertet, um die Anschlussinhaber in Kategorien einzuteilen – und
ihnen anschließend zielgenau Werbung verkaufen zu können. Jetzt will
Twitter eine dieser Firmen kaufen.
Die meisten kommerziellen Provider sind nur gegen die
Vorratsdatenspeicherung, weil sie dafür Geld ausgeben müssen.
Mittlerweile ist bekannt, dass viele Provider die Daten
auch ohne gesetzliche Verpflichtung weiterhin speichern. Ein Grund könnte sein, dass diese Daten viel Geld wert sind.
Durch
Michael Kreil sind wir auf die
Audio-Aufzeichnung eines Vortrags auf der
Emerging Communications Konferenz 2009 aufmerksam geworden. Greg Skibiski, Gründer und Chef der Firma
Sense Networks beschreibt dort, wie er mit der Analyse von Standort- und Verbindungsdaten Geld verdient.
Die
Webseite der Firma wimmelt nur so von Buzzword Bingo:
Location data is the key to mobile monetization.
We extract behavioral information from location and apply predictive analytics.
This drives highly-targeted offers for superior results.
Eines ihrer Produkte ist
MacroSense.
MacroSense nimmt riesige Mengen an mobilen Standort-Daten und errechnet
daraus “verwertbare” Daten über zukünftiges Verhalten. Die Daten der
Mobilfunk-Kunden bekommt man teilweise direkt von Mobilfunk-Betreibern
(leider war nicht rauszubekommen, welche). Mittels Statistik,
maschinellem Lernen und Vorhersage-Algorithmen werden die einzelnen
Endkunden in Profile eingeteilt, auch in Echtzeit.
Das geht schon allein mit Geodaten: Arbeitet man im Bankenviertel und
geht in teure Restaurants, ist man wohlhabender Banker. Je mehr Daten,
desto besser. Wenn man regelmäßig ein neues Handy hat und in
Szene-Bezirken unterwegs ist, wird man als “jugendlich und
ausgehfreudig” eingeteilt. Wechselt man sein Endgerät nur selten, wohnt
abgelegen und geht nur am Wochenende raus, könnte man Rentner sein.
Das
Ziel ist klar: Diesen Profilen werden dann Kaufkraft und Interessen
zugeordnet, um besser Marketing und Werbung machen zu können. Zum Lady
Gaga-Konzert will man nur die Jugendlichen einladen, den neuen
Handy-Vertrag für Freunde sollen nur die einkommensstarken Kunden
bewerben. Im Vortrag fallen Begriffe wie Konsumverhalten,
Lifestyle-Kategorie, Kundenprofile, soziale Cluster und Konsummuster.
Ganz normal Kapitalismus.
Aber keine Angst: Das soll alles
ganz datenschutzfreundlich
passieren. So wird versprochen, dass nur die endgültige Zuordnung eines
Anschlusses in eine bestimmte Kategorie gespeichert wird, nicht die
Original-Daten. Ob das der deutschen Zweckbindung im Datenschutzrecht
entspricht, wage ich mal zu bezweifeln. Auch wird auf der Webseite von
Opt-In
gesprochen, nur dürfte das mit dem Kleingedruckten in jedem
Handy-Vertrag der Fall sein, mit dem sich die Anbieter umfangreiche
Rechte sichern.
Die New York Times hat
schon 2008 über MacroSense berichtet. Auch
CitySense (Wo ist was los?) und
CabSense
(Wo ist ein Taxi?) haben schon Aufmerksamkeit bekommen. Bisher war der
Schritt zum Opt-In jedoch klar: Man musste eine App installieren und
dieser die Berechtigung zum Zugriff auf die eigenen Geodaten geben. Der
Schritt, diese Daten direkt beim Mobilfunk-Betreiber abzuholen, ist eine
neue Dimension. Das passiert ohne meine Wissen, ohne meine Einwilligung
und unterschiedslos von jedem. Zudem wird uns in Europa immer gesagt,
dass man diese Daten nur für die Rechnung und gegen den Terror bräuchte.
Twitter sieht das anscheinend nicht so kritisch.
TechCrunch berichtete letzte Woche, dass der Microblogging-Riese Sense Networks kaufen will. Dann kann Twitter endlich Geld mit lokalisierter Werbung verdienen.
Dieser Beitrag wurde von Andre Meister für netzpolitik.org/ geschrieben. Er steht unter der Creative Commons Nicht-Kommerziell Lizenz.